Religion ist eine Ressource für Gerechtigkeit

„Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet“. Dieser prägnante Satz stammt von Jean Ziegler, dem ehemaligen  UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.  Immer dann, wenn ich diesen Gedanken wirklich zulasse, stelle ich fest, dass Religion – in meinem Fall die christliche – eine Ressource ist für mich damit umzugehen.

Ich glaube, dass es für die ermordeten Kinder so etwas gibt wie eine höhere Gerechtigkeit, einen Horizont, der über das nicht gelebte Leben auf Erden hinaus weist. Beweisen – im naturwissenschaftlichem Sinn –  kann ich diese Hoffnung nicht. Und doch: Diese religiös motivierte Hoffnung trägt mich, ja macht es überhaupt möglich, den Gedanken an die Schrecklichkeit wirklich zu zu lassen. Aber: Die Kinder sind wirklich tot. Mein Hoffen und Beten macht sie nicht wieder lebendig.

Jean Ziegler benennt das Wirtschaftssystem der globalen Ungerechtigkeit, das hinter diesen Morden steht. Mein Glaube motiviert mich dieses System zu hinterfragen und aktiv zu werden. Und nicht nur mich, sondern viele andere religiöse Menschen, im Großen wie im Kleinen. Hans-Joachim Höhn nennt die Kirche eine „Bürgerinitiative des Heiligen Geistes“. Was das bedeutet, zeigen eindrucksvoll die vielen Projekte der Entwicklungszusammenarbeit kirchlicher Einrichtungen genauso wie die alltägliche Solidarität der Menschen in unserem Ländern.  Erfreulicherweise gibt es aber auch viele zivilgesellschaftliche Initiativen, die gegen die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ (Papst Franziskus auf Lampedusa) aktiv werden.  Die Motivationen der Menschen mögen verschieden sein, gemeinsam ist das Ringen um die Würde jedes Menschen.

Darauf zielt Religion in ihrem Kern ab. Jeder Mensch ist ein unverwechselbares geliebtes Kind Gottes. Religion ist für mich eine Sinnressource, sie motiviert mich, sie macht das Unvorstellbare vorstellbar. Religion kritisiert nicht nur dieses System der Ungerechtigkeit, sondern fragt auch nach meiner eigenen „MittäterInnenschaft“. Meine Glaube macht mir Hoffnung. Darauf möchte ich nicht verzichten. Darauf können die ermordeten Kinder nicht verzichten.


Veröffentlicht 2014 im Blog des Bayrischen Rundfunks Woran glauben? Götter, Quanten, Wirtschaftswachstum. Im Unterschied zu meinem Diskussionspartner Michael Schmidt-Salomon von der Giordano Bruno Stiftung vertrete darin ich die Meinung, dass Religion eine Sinn-Ressource ist, die einen Beitrag für mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt leisten kann.

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