Sexuelle Gewalt als Herrschaftsinstrument

Du sitzt in einer Runde, schaust in die Gesichter. Lachende, nachdenkliche, aussagelose, deprimierte, lächelnde, traurige, entspannte Gesichter. Eine Fülle von Emotionen. Die Emotionen wechseln, wenn sich die Menschen unbeobachtet fühlen. Aus der Fröhlichkeit wird Leere, aus dem Lachen wird Zurückgezogenheit. Schau in die Runde: Jedes 3. Mädchen, jeder 5. Junge hat in der Kindheit sexuelle Gewalt erfahren. Die meisten in der Familie oder im engeren sozialen Umfeld.

Überlebende sexueller Gewalt kann es mit viel therapeutischer Hilfe und in einem fördernden sozialen Umfeld gelingen, trotz alledem ein gutes Leben zu führen. Gefühle, die abgekoppelt wurden, weil sie damals das Überleben verunmöglicht hätten, können wieder lebendig werden. Ein gutes Leben ist möglich.

Vom Opfer zur Regisseur_in

Die Spuren sexueller Gewalt sind in Deinen Körper eingeschrieben und gehen genauso wenig weg wie die Augen- oder Haarfarbe. Farbige Linsen oder Farbe vom Friseur helfen, doch unter der Oberfläche bleibt das, was in der Kindheit internalisiert wurde: Deine körperliche und sexuelle Integrität ist inexistent, Du kannst über Dich, Deinen Körper, Dein Leben, Deine Gefühle nicht bestimmen, Du musst ständig verfügbar sein, Du musst immer gefallen, Du kannst noch so gut sein, Du bist nichts wert, andere sind ein geliebtes und gewolltes Kind Gottes, Du bist es nicht.

Und schuld bist sowieso Du. Denn vielleicht hast Du nicht „Nein“ sagen können, denn vielleicht hat Dein Körper mit sexueller Erregung reagiert, denn vielleicht wurde es Dir immer wieder gesagt. Und in all Deinen wirren Emotionen, die Du ja gar nicht haben durftest und wolltest, hast Du Dir später immer wieder geschadet. Du hast die Situationen der Ausgeliefertheit wiederholt und vielleicht nicht nur Dich, sondern sogar andere Menschen verletzt und gedemütigt.

Heute weißt Du im Kopf, dass Du nicht schuld bist, dass Du ein Kind warst und gar nicht anders reagieren hättest können. Und hast vielleicht sogar Menschen gefunden, die Dir sagen und zeigen, dass Du wertvoll und geliebt bist – aber es ist ein langer, widersprüchlicher und harter Prozess, dass das, was Du rational weißt, emotional im Bauch ankommt, dass neue positive Spuren in Deinem Körper sich entwickeln, wirksam, internalisiert werden können. Dieser Prozess ist ohne professioneller Hilfe nicht oder sehr schwer möglich. Wenn Du Dich auf diesen Prozess einlässt, wird Du vom ausgelieferten Opfer zur Regisseur_in, zur Gestalter_in Deines Lebens. Du kannst Dich dafür entscheiden, die destruktiven Verhaltensmuster, die Dir „Deine Täter_innen“ gelernt haben, abzulegen und neue Verhaltensmuster entwickelt. Sei liebevoll dabei zu Dir selbst, Du bist nicht schuld, wenn Du dabei Rückschläge erleidest. Wer kämpf kann immer wieder auch verlieren und dann wieder aufstehen, wer nicht kämpft hat schon verloren und die Täter_innen haben erreicht was sie wollten: grenzenlose, gierige, rücksichtslose Macht über Dich, Deinen Körper, Deine Lust, Dein Leben.

Das System sexuelle Gewalt

Bis vor einigen Jahren war medial sexuelle Gewalt mit dem „Mann hinter dem Busch“, vor dem alle Kinder gewarnt wurden, verkoppelt. Ja, auch das gibt es. Aber es ist nicht alles.

Mittlerweile ist in der Öffentlichkeit angekommen, dass sexuelle Gewalt in Institutionen, in Heimen, in Internaten, in den Kirchen, …. ganz und gäbe war und womöglich auch noch ist. Die Institutionen der Herrschaft ermöglichen es, dass Kinder als blosse Objekte gesehen werden und sie zum Spielball der Macht werden. Autoritäts- und Abhängigkeitsverhältnisse und kollektives Wegschauen des Umfelds sind die Basis dafür, dass Kinder zu Opfern werden. Ja, auch das gibt es. Aber es ist nicht alles.

Weitaus die meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen erfahren sexuelle Gewalt in der Familie oder im engeren Freundes- oder Bekanntenkreis. Obwohl die Dunkelziffer so hoch ist wie bei kaum einem anderen Verbrechen, sind die empirischen Fakten dazu sehr klar. Auch wenn es bröckelt, massenmedial wird dieses Faktum noch immer fast verschwiegen, im kollektiven Bewusstsein ist es noch lange nicht angekommen.

Das hat System. Denn die „Familie als Keimzelle des Staates“ darf nicht in Frage gestellt werden. Ja, es ist sogar – so sehr auch Lebensformen und Geschlechterverhältnisse in Bewegung sind – so, dass die sich verschärfende Konkurrenz in der Arbeitswelt den Rückzug in die Familie fördert, sie wird zum einzigen Ort stilisiert, wo es möglich sei, Mensch und nicht „Humankapital“ zu sein. Für jedes 3. Mädchen und jeden 5. Jungen ist die Familie kein sicherer Ort – im Gegenteil.

Es hat aber genauso System, wie mit den Täter_innen umgegangen wird. Einzelne Täter, sehr selten einzelne Täterinnen, werden medial gesteinigt, kastriert und defacto zum Tode verurteilt. Der Mob will wegsperren, wegschließen, sich letztlich selbst verschließen vor der Ungeheuerlichkeit. Das dahinterstehende System sexueller Gewalt in seiner grauenhaften Dimension und Wirkmächtigkeit in der Gesellschaft wird nicht hinterfragt.

Es gibt zwei Arten von Täter_innen. Es gibt Menschen, die pädophil veranlagt sind und sexuelle Lust nur mit Kindern empfinden können. Mit Projekten wie „Kein Täter werden“ in Berlin könnte diesen Menschen geholfen werden, ihre Veranlagung nicht destruktiv an Kindern auszuleben. Dafür stehen aber kaum öffentliche finanzielle Mittel zur Verfügung, um solche präventiven Angebote auszubauen. In Österreich ist mir nicht mal ein solches Projekt bekannt.

Der größere Teil der Täter_innen ist nicht pädophil veranlagt, sondern in der oftmals wiederholten sexuellen Gewalt geht es letzlich nicht um Sexualität, sondern um Macht. Jedem Menschen kommt die Verantwortung zu, die Kette der Gewalt individuell zu durchbrechen. Doch der Gesellschaft käme die Verantwortung zu, Strukturen zu entwickeln, die Menschen und ganz besonders Kinder – als die Schwächsten in der Gesellschaft – nicht zu Objekten werden lassen. Das Gegenteil ist der Fall: Konkurrenz, soziale Unsicherheit, Zukunftsängste, Demütigungen am Arbeitsplatz und struktureller Rassismus verschärfen sich und die mühsam erkämpfte ökonomische Unabhängigkeit der Frauen als Vorraussetzung für eine selbstbestimmtes Leben wird immer bröckeliger.

Ins Bild passt, dass Psychotherapieangebote für Opfer sexueller Gewalt völlig unzureichend sind. Eine Schachtel Antidepressiva ist leicht zu bekommen, auf einen kostenfreien Einzeltherapieplatz ist in Oberösterreich mehr als ein Jahr zu warten. Die medialen Beteuerungen, dass für die Opfer soviel getan würde sind leer angesichts der Fakten. Einzig die Kirchen waren aufgrund des medialen Drucks genötigt ernsthafte Schritte im Interesse der Opfer zu setzen.

Die Ohnmacht der Opfer

Dass jedes 3. Mädchen und jeder 5. Junge Opfer sexueller Gewalt wird, führt zu einer Gesellschaft zutiefst verunsicherter Menschen, die ihren eigenen Wert nicht oder nur schwer erkennen. Sie passen sich an, sie wollen gefallen, sie weichen der Konfrontation mit den Herrschenden aus. Sie sind oftmals so sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt, dass der Blick über den Tellerrand schwer ist. Sich selbst wichtig zu nehmen ist alleine schon schwer genug. Sie suchen ihr Heil im Konsum, der im Neoliberalismus favourisierten Form der Individualisierung. Vielleicht besser als Abhängigkeiten und Suchtverhalten. Aber: Sie bleiben Opfer, sie stigmatisieren sich unbewusst selbst, sie sind willfährige Objekte subtiler Machtverhältnisse in der Gesellschaft.

Schritte der Emanzipation

Cardijn, der bekannte belgische Arbeiterpriester und Begründer der Katholischen Arbeiter_innen-Bewegung, hat Ende des 19. Jahrhunderts gesagt: „Jeder Arbeiter, jede Arbeiterin ist mehr wert als alles Gold dieser Welt“.

Du bist mehr wert als alles Gold dieser Welt. Du hast das Recht auf ein gutes und selbstbestimmtes Leben. Du kannst Dich von „Deinen Täter_innen“ verabschieden, Du kannst Regisseur_in Deines Lebens werden. Du hast das Recht auf jede therapeutische, medizinische oder soziale Hilfe, die Du brauchst. Du darfst wütend sein, auf die Täter_innen, auf die schweigenden Zuschauer_innen und dass die Verhältnisse so sind wie sie sind und dass Du Opfer dieser Verhältnisse geworden bist. Du forderst zu Recht, dass die Verhältnisse sich ändern und die Gesellschaft präventiv dafür sorgt, dass es keine weiteren Opfer mehr gibt.

Du darfst Dich empören, Du darfst schreien, Du darfst traurig sein. Alles, was Du früher nicht nicht konntest, weil Du überleben wolltest. Du bist stark. Du wirst noch stärker. Du darfst lachen, Du darfst glücklich sein, Du darfst Dein Leben, Deinen Körper, Deine Sexualität, die Zuwendung und Liebe der Menschen rund um Dich genießen. Du kannst kämpfen. Du kannst verlieren. Du kannst die Ohnmacht überwinden und Macht erringen.
Du musst das alles nicht alleine tun. Wir können es gemeinsam tun, gemeinsam lachen und weinen, gemeinsam die Tiefe der Gefühle entdecken. Denn gemeinsam können wir so mächtig werden, dass sexuelle Gewalt als Herrschaft ein Ende hat. Es gibt dem Leben Sinn.


Geschrieben am 3. August 2015 in Liebenau.
Veröffentlicht in Solidarwerkstatt-Blatt 3/2015.

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