Ich wünsch‘ mir Politik statt Charity!

Täglich herzzerreißende Bilder mit Kindern aus dem überfüllten Erstaufnahmelager für Asylsuchende in Traiskirchen. Dazwischen Aufnahmen bürgerkriegsartiger Szenen an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland. Und nur noch selten ein Wort von den tausenden Menschen, die ohne Beisein von Fernseh-Kameras im Mittelmeer elendig ersaufen.

Damit wird Angst gemacht. Jenen Menschen, die, weil sie ums nackte Überleben kämpfen, aus Kriegsgebieten flüchten. Und den Menschen hier zu Lande, denen tagtäglich gesagt wird, es könnte Dir noch schlechter gehen. Sei zufrieden mit dem was Du hast und reg‘ Dich nicht auf über Sozialabbau und Arbeitslosigkeit. Deine Wut über die Verhältnisse kann Du ja an den noch Schwächeren abladen. Die FPÖ wird wohl auch diesmal wieder Wahlerfolge feiern.

Es ist schön und herzerwärmend zu beobachten, dass trotzdem viele Menschen dieser Angstmache ein positives Engagement für Asylsuchende entgegenstellen. Mit orangen Regenschirmen beim Umbrella-March am Weltflüchtlingstag. Mit Sachspenden und kostenfreiem WLAN für Flüchtlingslager. Mit Hilfe bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen und Arztbesuchen für Menschen, die das brauchen, weil sie sich erst einmal in einem fremden Land zu Recht finden müssen.

Das ist schön und herzerwärmend. Aber es bleibt für mich trotzdem etwas offen: Wer redet noch über die Verhältnisse, die dazu führen, dass Menschen flüchten müssen? Wer redet über Waffenexporte und Kriegsprofite? Wer redet über eine weltweite neoliberale Wirtschaftspolitik? Wer steht auf, nicht nur, wenn es um eine menschenwürdige Unterbringung für Flüchtlinge geht, sondern auch, wenn es um ein Nein zu FRONTEX und den Dublin-Abkommen geht?

Es wird viel darüber gejammert, dass mit dem Einbetonieren der Festung Europa die EU ihre angeblichen Werte wie Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit in Frage stellt. Warum denken so wenig Menschen darüber nach, dass das alles schon immer Lug‘ und Trug‘ war, weil die EU eine militärisch hochgerüstete Wirtschaftsgemeinschaft ist, wo der Profit der Wenigen immer schon wichtiger war als das gute Leben für alle? Was ist eigentlich so schwierig am Gedanken, dass Österreich sich aus dieser EU verabschiedet und nicht mehr mitmacht in diesem EU-Konkurrenzregime, dass all dieses Leid verursacht? Ich möchte mir diese Sehnsucht nicht nehmen lassen. Mein Herz braucht mehr als Charity.


Veröffentlicht in der Zeitschrift der Solidarwerkstatt, Herbst 2015

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