Brot und Rosen

Theologische Fragmente zur Ernährung 

„Gebt uns das Brot und gebt die Rosen auch“ heisst es in der „Hymne“ der KAB. Die Streikparole „Brot und Rosen“ von mehr als 20.000 Textilarbeiterinnen mit Migrationshintergrund in Lawrence, Massachusetts (1912) wurde zu einem der bekanntesten Lieder der Gewerkschaften und Frauenbewegung.

Dieser Beitrag geht vom Thema Brot, von der Ernährung, aus – letztlich sind Brot und Rosen aber wohl nichts anderes als zwei Seiten der Medaille „gutes Leben“. Insofern überrascht es nicht, dass dabei zentrale Inhalte der christlichen Theologie manifest werden.

Ernährung als existenzieller Grundvollzug

Ernährung ist ein unverzichtbarer Grundvollzug aller lebendigen Geschöpfe. Die körperliche Existenz des Menschen ist geprägt vom Bedürfnis essen und trinken zu müssen. Das erklärt den hohen Symbolgehalt der Ernährung und z.B. unsere Sensibilität, wenn Essen weggeworfen wird. Ernährung hat damit nicht nur eine körperliche, sondern eine psychische, soziale und ethische Dimension. Gemeinsam zu essen, das Brot zu teilen, ist eine höchst ursprüngliche Erfahrung zwischenmenschlicher Kommunikation – und damit liegen auch immer Rosen mit am Tisch.

Ein veganes Mahl im Mittelpunkt 

Spezifisch am Christen_innentum ist, dass ein veganes Mahl im Zentrum steht – mit dem Grundnahrungsmittel Brot. Die Emmausjünger erkannten Christus, als er das Brot brach. Im gemeinsamen (kultischen) Mahlhalten wird deutlich, dass der Mensch verwiesen ist auf das Geschenk der Nahrung und abhängig von der Natur und vor allem von anderen Lebewesen. Das Bild der Sättigung aller (Jes 55,1f; Mk 6,30-44 parr) ist ein zentrales Motiv des Reich-Gottes-Botschaft, es ist ein Bild in dem Gottes Gerechtigkeit deutlich wird. Diese Erfahrung machen zu können, ist heute im religiösen Vollzug nicht mehr so einfach. Geschmacklose Hostien mögen praktisch sein, sie lassen aber viel weniger schmecken, dass Eucharistie über die Nahrungsaufnahme hinaus darauf verweist, was wir zum Leben brauchen – das, was in diesem schönen alten Lied der Arbeiter_innen-Bewegung festgehalten ist: Brot und Rosen.

Fast verloren gegangen sind heute viele religiöse Traditionen, die über die Jahrtausende im Bewusstsein der existentiellen Notwendigkeit der Ernährung entstanden sind. Die Konsumgesellschaft und die ständige Verfügbarkeit und große Auswahl von Essen, lässt uns vergessen, dass genug wohlschmeckendes, frisches und gesundes Essen keine Selbstverständlichkeit ist: sei es für die eine Million armutsgefährdeter Menschen in Österreich oder erst recht die 795 Millionen Menschen weltwelt, die Hunger leiden. Wer sich auf religiöse Traditionen wie Fastenzeiten, ein Kreuzzeichen am Laib Brot vor dem Anschneiden oder ein Tischgebet vor dem Essen einlässt, stellt sein eigenes existentielles Bedürfnis in den Kontext der Bedürftigkeit aller Menschen – nach Brot und nach Rosen.

Der Mangel an Brot und der Mangel an Gerechtigkeit 

Sobald wir danach fragen, wie heute Lebensmittel produziert werden, bricht das fast idyllische Bild von Brot und Rosen. Denn: Brot und Rosen ist keine Beschreibung des Ist-Zustandes, es ist ein Kampfslogan!

Gentechnisch veränderte Lebensmittel, industrielle Landwirtschaft ohne Bezug zum Produkt und mit niedrigsten Löhnen für die Arbeiter_innen, psychisch belastende Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen, Freihandelsabkommen wie TTIP oder EPA, die das Recht des Stärkeren insbesondere auch im Lebensmittelbereich international durchsetzen, angeheiztes Klima durch zuviel Fleischkonsum und Monokulturen, … das sind nur ein paar Stichworte, die deutlich machen, dass die Befriedigung unseres Grundbedürfnisses der Nahrungsaufnahme verwoben ist in Strukturen der Sünde.

Auch wenn alternative (Wirtschafts-)modelle wie der Faire Handel, biologische und regionale Landwirtschaft mit artgerechter Tierhaltung oder vegetarische bzw. vegane Ernährung im persönlichen Konsum sinnvolle und zu fördernde Möglichkeiten darstellen, ist es doch faktisch unmöglich nicht in irgendeiner Weise Teil dieses Kreislaufs der Ausbeutung und Ungerechtigkeit zu sein.

Ein veganes Mahl als Kampfansage!?

Das theologische Motiv der Erbsünde verweist darauf. Allzulange verengt auf sexuelle Rigidität haben wir fast vergessen, dass damit auch gesagt ist, dass unsere körperliche Existenz und Bedürftigkeit uns unweigerlich teilhaben lässt an den geschichtlich gewordenen gesellschaftlichen Strukturen. Am deutlichsten ist das beim Faktum des Tötens von Tieren, von Lebewesen mit Bewusstsein. „Nicht quälen, aber töten“ – so lässt sich die Position vieler christlicher Theolog_innen in Bezug auf Tiere heute zusammenfassen. Im Vergleich zur verengter Anthropozentrik der letzten Jahrtausende ist das wohl ein Fortschritt. Jesus und die ersten Christ_innen waren sich offenbar auch dieses Widerspruchs bewusst – sonst hätten sie wohl nicht ein veganes Mahl als zentrales Ritual gewählt. Wenn wir nicht nur um Brot, sondern auch um Rosen kämpfen, geht es um eine umfassende Gerechtigkeit für alle Lebewesen.

 


Veröffentlicht in der Zeitschrift der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung OÖ, Information-Diskussion, Juli 2016 – PDF

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